30.08.09
22:19 Uhr

Lebendige Gottesdienstgemeinde

In Owerri treffen wir zufällig Kardinal Francis Arinze, früherer Präfekt für die Gottesdienstkongregation, davor jahrelang Präsident des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog. Er ist zu Urlaub in seiner früheren Heimat. Einmal mehr erfahre ich vom Ortsklerus über die gravierenden Missionsbestrebungen der Sekten. Wenn wir ein Dorf oder eine Stadt durchqueren, ist es erstaunlich, dass eine Kirche neben der nächsten steht. Jede verspricht ein besonderes Heil. „Soulcatcher Mission“  lese ich auf einem Schild. So kommt es mir oft in den Gesprächen vor, die Sorge des einheimischen katholischen Klerus vor Seelenfängern der anderen, die mit schönen Worten aber wenigen Inhalten locken.

Wir sind an diesem Sonntag auf dem Weg nach Enugu, dem Erzbistum mit dem größten Priesterseminar im Land. Herzlich werden wir von Ortsbischof Callistus Onaga empfangen, der ein perfektes Deutsch spricht und an der Universität Bonn promoviert hat. Hier darf ich mit mehren tausend Gläubigen den Sonntagsgottesdienst unter freiem Himmel feiern, ein farbenfrohes, von tiefem Glauben und überzeugender Spiritualität geprägtes Fest. Die Predigt hält Generalvikar Obiore Ike, er erinnert an die außerordentliche Hilfe der deutschen Caritas während des Biafrakrieges – langer Applaus brandet auf. Wann immer Misereor und Missio aber auch die Kirche von Deutschland als Ganze genannt werden, treffe ich auf Begeisterung in der Bevölkerung, auch bei diesem Gottesdienst.  „Die Kirche in Deutschland ist schon älter. Die Kirche Nigerias ist jung. Die junge Kirche nimmt die alte Kirche am Arm und geht mit ihr gemeinsam. Wir gehören zusammen und wir wünschen Euch in der Kirche von Deutschland etwas von der jungen Begeisterung unserer Kirche“, predigt Ike. „Glaube und Leben gehören bei uns zusammen, auch im Gottesdienst“. Das wird sichtbar in der Gabenprozession, zu der mehrere hundert Menschen ihre Gaben bringen: Wurzelknollen, Weihrauch, Hühner werden zum Altar gebracht, zwei Ziegen, ein Ochse und – ein Affe! Das ist lebendige Kirche. Das frohes Glaubensfest endet mit einem Appell von Ike aus dessen Predigt, der mir in Erinnerung bleibt: „Die Lage in Nigeria ist nicht leicht. Aber wir haben Hoffnung. Und auch wenn wir als Christen verfolgt werden, wir werden zu unserem Glauben stehen.“

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Autor: Erzbischof Dr. Robert Zollitsch
Kategorie: Reisetagebuch


30.08.09
16:13 Uhr

Grenzerfahrung im Urwald

HOP_1850Gestern, Samstag, war Nigeria für mich eine Grenzerfahrung. Zum ersten Mal durfte ich lange Strecken den tropischen Regenwald durchqueren. Es waren die dörflichen Strukturen, die mich beeindruckt haben, oft am Straßenrand ein paar weggeschlagene Bäume, einige Hütten – und Menschen die einfach glücklich aussehen. Wie es so im Urwald ist, war eine wichtige Brücke gesperrt, das bedeutete Umweg, und zwar so tief in den Urwald, dass selbst das uns begleitende Militär eine Straße verpasste und wir uns kräftig verfuhren. Damit nicht genug, in einer völlig abgelegenen Gegend löste sich die Straße auf, ein Weiterkommen war kaum möglich. Dorfbewohner eilten uns zur Hilfe und schlugen mit ihren Macheten einen Korridor in die grüne Pracht. Dann ging nichts mehr und das gleich für mehrere Stunden. Alle unsere Autos steckten fest. Einen Bus aus dem Schlamm zu befreien, ist schlimmer als ein Auto im Winterschnee wieder flott zu bekommen.

Das alles war eine Grenzerfahrung für mich: Grenze unseres eigenen Machens – denn wir können uns verfahren und im Schlamm steckenbleiben. Grenze meiner eigenen Erfahrungen – denn das war etwas völlig Neues für mich und ich habe mich nicht nur wohl gefühlt. Grenze der Kräfte – denn solche stundenlangen Verzögerungen und Sorgen, ob es überhaupt noch weiter geht, zehren sehr an den eigenen Kräften. Ich werde den Jubel des halben Dorfes nicht vergessen, als der Bus wieder aus den Schlammmassen befreit war. Später lese ich am Straßenrand ein Schild: „New roads, new opportunities“ (Neue Straßen, neue Möglichkeiten). Es hört sich fast ein wenig zynisch an – oder ist es nur die Ironie des Schicksals? Jedenfalls müssen wir – weil die Straße meterhoch unter Wasser steht – wieder den Hauptweg verlassen und fahren abenteuerliche Umwege. Lange, sehr lang. Neue Straßen, neue Möglichkeiten – das wünsche ich diesem Land.

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Autor: Erzbischof Dr. Robert Zollitsch
Kategorie: Reisetagebuch


29.08.09
00:26 Uhr

Am Schnittpunkt von Kirche und Politik

An diesem Freitag (ich blogge erst in der Nacht zu Samstag) geht es von Ibadan zurück nach Lagos, von dort fliegen wir in den äußersten Südosten Nigerias. Unser Ziel ist Calabar, Hauptstadt des nigerianischen Bundesstaates Cross River, der – über die Region hinaus – als “Paradies der Nation” anerkannt ist und in der Nähe zum Nachbarland Kamerun liegt. Überaus herzlich werden wir am Flughafen empfangen, bei tropischen Temperaturen und heftigen Regenfällen. Mich bewegt diese Gastfreundschaft, sie ist nicht aufgesetzt, sondern ehrlich, sie kommt von Herzen. Ich bin zwar erst wenige Tage in Afrika, aber ich spüre: Gäste sind hier besonders herzlich gesehen und willkommen.

In Gesprächen informieren wir uns über aktuelle Projekte von “Justitia et Pax”, die auch hier äußerst aktiv sind. Der Erzbischof von Calabar, Joseph Ukpo, ist jemand, der kräftig mit anpackt. Für ihn gehört die Arbeit für den Nächsten zu einer Lebensaufgabe. Heute ist vor allem der Schnittpunkt von Kirche und Politik. Der Gouverneur des Bundesstaates Cross River, Liyel Imoke, empfängt uns zum Gespräch – und mit ihm gleich fast das ganze Kabinett. Vor zwei Jahren ist er an die Spitze der rund 9 Millionen Einwohner der föderalen Regierung gewählt worden. Mich beeindrucken seine klaren Worte, auch seine Auffassung über das, was die Kirche im Land leistet. Sie sei eine “Säule der Gesellschaft”, sie sei da, wo Menschen in Not sind. “Auch die Politik hat den Auftrag, Brücken in die Gesellschaft hinein zu bauen. Vielleicht können wir von der Kirche lernen, wie einfach es ist, Brücken zu bauen”, sagt Imoke. Er fügt die wesentlichen Bereiche hinzu, in denen kirchliches Engagement unverzichtbar sei: Bildung und Gesundheit. “Wir haben mehrere Schulen in die Obhut der katholischen Kirche zurückgegeben, die lange unter staatlicher Kontrolle waren. Die Kirche hat da ihren besonderen Auftrag”, sagt der Gouverneur – und später bittet er um den Segen Gottes. Ich nutze die Gelegenheit, um die vielfältige Arbeit Misereors und Missios in Erinnerung zu rufen. Meine Auffassung heißt: Nigeria ist in vielen Bereichen eine Erfolgsgeschichte. Und gleichzeitig hat das Land beim Aufholen im internationalen Vergleich noch viel vor sich. Im Gespräch mit dem Gouverneur versuche ich deutlich zu machen, wie sehr es der Kirche am Herzen liegt, auf bestehende Spannungen einzuwirken, sei es zwischen gesellschaftlichen Gruppen, Religionen, Ethnien. Wir dürfen uns unserer Verantwortung nicht entziehen. Verantwortung – dieses Wort wird die weitere Reise prägen.

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Autor: Erzbischof Dr. Robert Zollitsch
Kategorie: Reisetagebuch


27.08.09
23:20 Uhr

Hilfe zur Selbsthilfe

Erzbischof Dr. Robert Zollitsch und missio-Präsident Prälat Dr. Klaus Krämer (Bild: KNA)

Erzbischof Dr. Robert Zollitsch und missio-Präsident Prälat Dr. Klaus Krämer (Bild: KNA)

Wenn es Missio und Misereor nicht gäbe, müsste man die beiden Hilfswerke erfinden. Die direkte Hilfe am Menschen erlebe ich durch “Justitia et Pax”: Hunderte von Projekten werden von “Justitia et Pax” unterstützt, Misereor und Missio sind enge Partner. Mit jungen Mitarbeitern komme ich ins Gespräch, auf dem Rücken ihres T-Shirts tragen sie die Aufschrift “Change is possible”. Diese Menschen wollen ihre Heimat verändern, mit anpacken, sie stellen ihr Handeln für den Menschen in den Vordergrund: sei es bei Projekten in der Landwirtschaft, Hilfen für HIV-Infizierte, Mikrofinanzkredite und viel mehr. Hilfe zur Selbsthilfe – das ist an diesem Nachmittag konkret erlebbar.

Konkret wird es auch, als ich eines der größten Gefängnisse in Ibadan besuche. 300 Plätze hat es, 638 Gefangene sitzen auf engstem Raum zusammen. Die Bilder sind hart, junge Männer, die an der Zellentür kauern, andere strecken ihren Arm durch die  Gitter. Wenn es die Kirche nicht gäbe, wäre das Wort Hoffnung an diesem Ort eine Farce. Es fällt schwer genug, an diesem Ort Hoffnung zu verspüren. Die hohen Gefängnismauern, hinter denen draußen das Leben tobt, schirmen hier drinnen ab und hinterlassen ein Gefühl der Trostlosigkeit. Es gibt Orte, an denen mir die Worte versagen. Aber wird nicht hier das Wort des Propheten Jesaja zur Verpflichtung: “Ich bin gekommen, um den Gefangenen Freiheit zu verkünden!” Die Kirche darf sich einer solchen Herausforderung, sich um die Gefangenen zu sorgen, nicht entziehen. Abends finde ich auf meinem Sitz im Bus das T-Shirt mit der Aufschrift “Change is possible.” Augenblicklich denke ich wieder an das Gefängnis.

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Autor: Erzbischof Dr. Robert Zollitsch
Kategorie: Reisetagebuch


27.08.09
17:11 Uhr

Treffen mit Erzbischof von Ibadan

Wir sind in Ibadan, 150 km nördlich von Lagos, eingetroffen. Der Verkehr ist unglaublich – römischer Innenstadtverkehr ist dagegen fast wie ein autofreier Sonntag. Menschen verkaufen Bananen, Mützen, einfach alles am Straßenrand. Auf dieser Strecke habe ich verstanden wie viele Freikirchen, Pfingstler, Baptisten und andere Gemeinschaften es hier gibt, wie stark sie sind, aber auch wie sie versuchen, christliches Leben zu dominieren. “Christ Authority Church” lese ich auf Schildern, am “Halleluja-Shop” fahren wir vorbei, immer wieder gibt es Moscheen im Stadtbild.

Felix Job ist Erzbischof von Ibadan – und Vorsitzender der nigerianischen Bischofskonferenz. In seinem kleinen Garten, einer von Gott reich gesegneten Oase, sehe ich Kokosnüsse, Mangos, Guawe. Wir sind schnell im Gespräch. Die große Sorge ist der erstarkende Fundamentalismus einiger Freikirchen. Von 46 christlichen Universitäten erzählt Erzbischof Felix, fast alle von Freikirchen. “Wer dort aufgenommen wird, muss nachweisen, dass er regelmäßig den Gottesdienst besucht hat. Der Druck ist hoch”, so Erzbischof Felix. Und er ergänzt: “Was sollen wir als Katholiken dagegen halten – auch Druck aufbauen?” Mich lassen die Schilderungen nachdenklich zurück. Mich bewegt die Frage: Was müssen wir als Kirche tun, um dieser Entwicklung zu begegnen? Ich spüre in Ibadan: Solidarität ist keine Worthülse, sondern eine hohe Erwartung.

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Autor: Erzbischof Dr. Robert Zollitsch
Kategorie: Reisetagebuch


27.08.09
14:24 Uhr

“Ich möchte eine Brücke bauen”

Lagos – Am Morgen auf dem Weg zur Kapelle im früheren Sekretariat der Nigerianischen Bischofskonferenz lerne ich die Millionenmetropole Lagos kennen. 12 Millionen Einwohner! Ein Werbeplakat am Straßenrand sagt: “Fußball ist die universale Sprache.” Selbst in Nigeria fiebert alles auf die Fußball-WM 2010 in Südafrika hin. Bei der Eucharistiefeier mit nigerianischen Katholiken feiere ich auf Latein: Wir verstehen uns, über Sprachbarrieren hinweg. Wir feiern Christus, der vereint.

Im Gottesdienst dringt der Lärm der Stadt in die Kapelle. Zwischendurch fällt der Strom aus. Das sei normal, erklärt man mir nachher. Ich bin froh, den Tag mit der Messe zu beginnen. Wir feiern heute die Heilige Monika, die aus Nordafrika stammt. Im Gottesdienst sage ich: “Sie ist eine Brücke von Afrika nach Europa.” So empfinde ich auch meinen Besuch. Ich möchte eine Brücke bauen.

Später verlassen wir Lagos, fahren über die “Third Mainland Bridge”, die größte Brücke des Kontinents. Kilometer über Kilometer geht es durch Lagos, auch durch die Elendsviertel mit ihren Blechhütten, Menschen, die etwas am Straßenrand verkaufen. Armut in Nigeria ist auch eine Realität dieses Landes. Sie wird mich ständig hier begleiten – und nicht loslassen.

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Autor: Erzbischof Dr. Robert Zollitsch
Kategorie: Reisetagebuch


26.08.09
22:31 Uhr

Ankunft in Afrika

Erzbischof Dr. Robert Zollitsch und Anthony Kardinal Okogie, Erzbischof von Lagos (Bild: KNA)

Erzbischof Dr. Robert Zollitsch und Anthony Kardinal Okogie, Erzbischof von Lagos (Bild: KNA)

Afrika – ich bin auf dem Kontinent der Hoffnung, so nennt ihn Papst Benedikt XVI., eingetroffen. Schon nach der Landung, wir sitzen noch im Flugzeug, sehe ich an der Landebahn eine große moderne Kirche und nur wenige Meter daneben eine grün gestrichene Moschee. Es ist eine Realität in diesem Land: Christen und Muslime leben nebeneinander, suchen ein Miteinander, auch in der ehemaligen Hauptstadt Lagos. Noch am Gepäckband treffen wir auf Vertreter anderer christlicher Kirchen, einige Männer beten im muslimischen Gebetsraum neben den Koffern. Nigeria fange ich schon hier an zu verstehen. Wir können von diesem Land, vom afrikanischen Kontinent lernen: Es gibt ein friedliches Miteinander von Religionen und ethnischen Gruppen.

Mein Besuch in Nigeria ist Ausdruck der Solidarität der Katholiken aus Deutschland mit Nigeria. Schon die Fahrt vom Flughafen in die Innenstadt der Millionenmetropole Lagos ist ein Erlebnis. Menschen, Verkehr, Staus, Märkte, die Küstenlagune, dann die Kathedrale mitten im Häusermeer, Gläubige haben sich hier zum Abendgebet versammelt.

Mein erster Gesprächspartner ist der Erzbischof von Lagos, Kardinal Anthony Okogie. Ich bin dankbar, dass er mir die Situation der Kirche in seinem Erzbistum vorstellt: ein lebendiges pastorales Leben, Katecheten, die in den verschiedensten Stadtteilen arbeiten, professionelle Programme von Mikrokrediten, um den Ärmsten der Armen zu helfen. Hier wird Unterstützung für die Bevölkerung konkret – und immer, so lerne ich, gehört das Gebet als wesentlicher Bestandteil dazu. Am ersten Abend in Afrika verstehe ich: das Gebet führt die Gläubigen zusammen, aus der Kraft des Gebetes leben sie. Das ist schön – und zeigt, wie unsere Religion über Grenzen und Kontinente hinweg  im Gebet miteinander verbunden ist. Im Gespräch mit Kardinal Anthony erfahre ich die wichtigsten Entwicklungen in der politischen Realität Nigerias. Gerade die letzten Wahlen waren wichtig und erneut ein weiterer Baustein auf dem Weg zu einer stabilen Demokratie im Land. Das Thema wird uns in den nächsten Tagen weiter beschäftigen.

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Autor: Erzbischof Dr. Robert Zollitsch
Kategorie: Reisetagebuch


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