Lebendige Gottesdienstgemeinde
In Owerri treffen wir zufällig Kardinal Francis Arinze, früherer Präfekt für die Gottesdienstkongregation, davor jahrelang Präsident des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog. Er ist zu Urlaub in seiner früheren Heimat. Einmal mehr erfahre ich vom Ortsklerus über die gravierenden Missionsbestrebungen der Sekten. Wenn wir ein Dorf oder eine Stadt durchqueren, ist es erstaunlich, dass eine Kirche neben der nächsten steht. Jede verspricht ein besonderes Heil. „Soulcatcher Mission“ lese ich auf einem Schild. So kommt es mir oft in den Gesprächen vor, die Sorge des einheimischen katholischen Klerus vor Seelenfängern der anderen, die mit schönen Worten aber wenigen Inhalten locken.
Wir sind an diesem Sonntag auf dem Weg nach Enugu, dem Erzbistum mit dem größten Priesterseminar im Land. Herzlich werden wir von Ortsbischof Callistus Onaga empfangen, der ein perfektes Deutsch spricht und an der Universität Bonn promoviert hat. Hier darf ich mit mehren tausend Gläubigen den Sonntagsgottesdienst unter freiem Himmel feiern, ein farbenfrohes, von tiefem Glauben und überzeugender Spiritualität geprägtes Fest. Die Predigt hält Generalvikar Obiore Ike, er erinnert an die außerordentliche Hilfe der deutschen Caritas während des Biafrakrieges – langer Applaus brandet auf. Wann immer Misereor und Missio aber auch die Kirche von Deutschland als Ganze genannt werden, treffe ich auf Begeisterung in der Bevölkerung, auch bei diesem Gottesdienst. „Die Kirche in Deutschland ist schon älter. Die Kirche Nigerias ist jung. Die junge Kirche nimmt die alte Kirche am Arm und geht mit ihr gemeinsam. Wir gehören zusammen und wir wünschen Euch in der Kirche von Deutschland etwas von der jungen Begeisterung unserer Kirche“, predigt Ike. „Glaube und Leben gehören bei uns zusammen, auch im Gottesdienst“. Das wird sichtbar in der Gabenprozession, zu der mehrere hundert Menschen ihre Gaben bringen: Wurzelknollen, Weihrauch, Hühner werden zum Altar gebracht, zwei Ziegen, ein Ochse und – ein Affe! Das ist lebendige Kirche. Das frohes Glaubensfest endet mit einem Appell von Ike aus dessen Predigt, der mir in Erinnerung bleibt: „Die Lage in Nigeria ist nicht leicht. Aber wir haben Hoffnung. Und auch wenn wir als Christen verfolgt werden, wir werden zu unserem Glauben stehen.“

Gestern, Samstag, war Nigeria für mich eine Grenzerfahrung. Zum ersten Mal durfte ich lange Strecken den tropischen Regenwald durchqueren. Es waren die dörflichen Strukturen, die mich beeindruckt haben, oft am Straßenrand ein paar weggeschlagene Bäume, einige Hütten – und Menschen die einfach glücklich aussehen. Wie es so im Urwald ist, war eine wichtige Brücke gesperrt, das bedeutete Umweg, und zwar so tief in den Urwald, dass selbst das uns begleitende Militär eine Straße verpasste und wir uns kräftig verfuhren. Damit nicht genug, in einer völlig abgelegenen Gegend löste sich die Straße auf, ein Weiterkommen war kaum möglich. Dorfbewohner eilten uns zur Hilfe und schlugen mit ihren Macheten einen Korridor in die grüne Pracht. Dann ging nichts mehr und das gleich für mehrere Stunden. Alle unsere Autos steckten fest. Einen Bus aus dem Schlamm zu befreien, ist schlimmer als ein Auto im Winterschnee wieder flott zu bekommen.
