05.09.09
09:16 Uhr

Zurück in Deutschland

Heute morgen bin ich aus Nigeria nach Deutschland zurückgekehrt. 12 Grad Celsius am Frankfurter Flughafen sind doch anders als die nahezu tropischen Temperaturen gestern abend spät in Abuja. Elf Tage waren wir unterwegs, ich kehre in großer Dankbarkeit zurück für das, was ich erleben durfte. Mich hat die Glaubensfreude der jungen Kirche Nigerias begeistert, mich hat die Herzlichkeit so vieler Begrüßungen – gerade auf dem Land – gerührt und mich hat der Wille sovieler junger Menschen, die ihr Land verändern und noch vorne bringen möchten, fasziniert. Da ist also eine Generation, die – zusammen mit den Initiativen der katholischen Kirche – Nigeria eine Zukunft vermitteln möchte. Wie häufig habe ich noch gestern nachmittag den Wunsch gehört, dass die grassierende Korruption in Nigeria ein Ende haben solle. Wie oft ist mir gesagt worden, dass ohne den Anstoß der Kirche in den Bereichen Gerechtigkeit, Friede und Entwicklung vieles gar nicht in Gang gekommen wäre. Und wie oft hat man mir vermittelt, dass die Solidarität zwischen der katholischen Kirche Nigerias und Deutschlands keine Floskel ist, sondern dass die Menschen in Nigeria diese Solidarität in ihren Gebeten begleiten.

Für mich ist Afrika jetzt konkret geworden. Ich bin froh, dass wir im Oktober, dem Monat der Weltmission, Nigeria als Schwerpunktland in Deutschland zum Thema haben. Das ist eine gute Chance, wenn zahlreiche Bischöfe aus Nigeria (und auch der Emir von Wase) hierher kommen. Solidarität macht nicht am Flughafen nach Rückkehr halt, sondern geht weiter. Ich will von meinen Erlebnissen erzählen, von meinen Erkenntnissen, die ich in den Tagen gewonnen habe, berichten. Denn was ich in Nigeria erlebt habe, zählt auch für mein alltägliches Leben in Deutschland: Kirche ist lebendig. Und die Weltkirche hat ein Gesicht, sei es in Deutschland, sei es in Nigera. Nochmals: Dankbar, sehr dankbar beende ich diese Reise auf den afrikanischen Kontinent.

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Autor: Erzbischof Dr. Robert Zollitsch
Kategorie: Reisetagebuch


05.09.09
09:02 Uhr

Ansteckende Freude

Videoautoren: Harald Oppitz, Kirsten Westhuis | Alle Rechte bei KNA

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Autor: Pressestelle Deutsche Bischofskonferenz
Kategorie: Reisetagebuch


04.09.09
10:45 Uhr

Beim Emir von Wase

Gestern Abend konnte ich in Jos den Emir von Wase, Seine Königliche Hoheit Alhaj Abdullahi Harun Maikano, treffen. Er hatte gleich noch den zweiten Emir der Provinz, Alhaji Mohammad Dou, mitgebracht. Beide sind drei Stunden gefahren, um sich mit dem Erzbischof von Jos, Ignatius Kaigama und mir zu treffen. Es ist eine beeindruckende Begegnung von großer Herzlichkeit und einem echten Dialog. 2001 und 2003 hatten in Jos die gewaltsamen Konflikte zwischen Muslimen und Christen begonnen. “Wir haben danach zueinander gesagt: Schluss jetzt, das muss ein Ende haben. Wir sind Brüder und Schwestern des einen Schöpfergottes. Eine Zukunft gibt es nur gemeinsam”, erklärt Erzbischof Kaigame.

Ich habe einige grundsätzliche Anmerkungen  zur Religionsfreiheit als grundsätzliches Menschenrecht gemacht (s. Reden in diesem Blog). Wahre Religionsfreiheit muss Gott und den Menschen anerkennen. Es gibt keine Alternative zum Dialog. Das hat bereits das II. Vatikanische Konzil bestätigt, an das ich in Jos erinnere. Ich bin dankbar, dieses Beispiel gelebten Dialogs in Jos zu erleben. Es ist kein aufgesetzter Versuch, sich irgendwie zu verstehen, sondern ich nehme eine Bereitschaft zum Frieden untereinander wahr, die dem Herzen entspringt.

“Wir sind der Friede”, sagt der Emir von Wase. “Wir müssen einander zuhören und wir müssen lernen, einander zu verzeihen. Wenn wir als Verantwortliche in den Religionen das unseren Gläubigen vermitteln, gelingt es, stabile und dauerhafte Brücken zu bauen”, fügte der Emir hinzu. Später bitten mich die Emire und der Erzbischof, sie beim Kondolenzbesuch der Familie des gerade verstorbenen Imams der Großen Moschee von Jos zu begleiten. Alhaji Saaid Amahjaa galt als zentrale theologische Persönlichkeit Nigerias und wurde 107 Jahre alt. Der Einladung folge ich gerne, rasch geht es ins Stadtzentrum von Jos. Eine große Trauergemeinde hat sich versammelt, die Menschen ganzer Straßen laufen zusammen als wir ankommen. Zwei Erzbischöfe bei der Familie des Imam – das sind seltene Momente in Jos. Aber es sind Momente, die in vielen Teilen der Bevölkerung gefeiert werden. Die Muslime bitten mich des Verstorbenen in meinen Gebeten zu gedenken. Nachher verabschiede ich die beiden Emire, die sich zum Ende des abendlichen Ramadan zurückziehen. “Ich komme, um die Brücke auszubauen”, sagt mir Emir Haruna. Bereits in wenigen Wochen wird er mit Erzbischof Kaigame in Deutschland sein. Nach dem gestrigen Tag bin ich überzeugt: Dialog kann gelingen!

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Autor: Erzbischof Dr. Robert Zollitsch
Kategorie: Reisetagebuch


03.09.09
17:37 Uhr

In der Savanne Nigerias

Nach unserer Morgenmesse verlassen wir Kaduna und fahren gut 250 Kilometer weiter in den Nordosten des Landes. Unser Ziel ist Jos, wo ich am Abend mit dem Emir von Wase zusammentreffen werde. Die Fahrt durch die nigerianische Savanne ist faszinierend. Eine wunderschöne Landschaft, zerklüftete Felsen, Wälder und intensive Landwirtschaft prägen das Bild. Wenn wir Dörfer passieren, winken uns die Menschen zu. Hier erlebe ich Afrika noch sehr ursprünglich: Statt Wellblechdächern treffen wir auf die typischen Rundbauten aus Lehm mit Palmendach, die kleinen Dörfer bestehen fast nur aus Lehmbauten. Je weiter wir in den Norden kommen, um so mehr ändert sich die Landschaft. Über eine Passstraße erreichen wir das so genannte “Plateau” von Nigeria, eine riesige Hochebene. Ich bin dankbar, nach dem tropischen Regenwald und dem hektischen Leben in den großen Städten nun auch die Savanne kennen lernen zu dürfen. Ja, irgendwie bin ich im Herzen Afrikas angekommen.

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Autor: Erzbischof Dr. Robert Zollitsch
Kategorie: Reisetagebuch


02.09.09
20:53 Uhr

Freude am Glauben

Gestern habe ich von der Situation der Ärmsten der Armen gehört – heute durfte ich einen ganzen Tag bei ihnen sein. Es ist faszinierend, was Menschen für andere Menschen Gutes tun. Irgendwo weit östlich von Kaduna treffe ich am Rand einer Savannenpiste auf die aus dem US-Bundesstaat stammende Dominikanerin Schwester Rita. Unermüdlich sorgt sie mit einem hoch motivierten Mitarbeiterstab für die Gesundheitsgrundversorgung junger Mütter. Aufopferungsvoll behandelt sie an Rachitis erkrankte Kinder, erklärt der ländlichen Stammesbevölkerung Hygienemaßnahmen nach der Geburt, sorgt mit einer medizinischen Erstversorgung für Grundlagen des menschlichen Lebens mitten in der Savanne. „Hope for the Village Child“ heißt die Einrichtung. Von Hoffnung spüre ich hier viel. Bei meiner Ankunft begrüßen mich junge Mädchen mit einem traditionellen Tanz. Selbst der Emir der Region, Seine Königliche Hoheit Galanaad I. ist zur Begrüßung gekommen, begleitet von 20 muslimischen Stammesfürsten der Gegend. Sie alle sind dankbar, dass die katholische Kirche hier arbeitet – für Christen und Muslime. Auf religiöse Grenzen wird nicht geachtet, „jeder Mensch ist ein Geschenk Gottes“, sagt Schwester Rita und fügt hinzu: „Diese Kinder hier zeigen uns jeden Tag, wie wir das Wort Gottes leben sollen.“ Es berührt mich, mit den jungen Müttern ins Gespräch zu kommen, Kinder setzen sich zur mir auf den Schoß. Seit vielen Jahren unterstützt Misereor das Projekt. Wieder erfahre ich etwas von der Hilfe zur Selbsthilfe, die ankommt. „Wenn ich diese Einrichtung nicht besucht hätte, würde der Reise ein wesentlicher Aspekt fehlen“, sage ich später zum Abschied. Der Emir nickt – wohl zustimmend. Schwester Rita schmunzelt – sie weiß, was sie hier Gutes für das Reich Gottes leistet.

Wir fahren weiter über die Dörfer und irgendwo biegen wir von der Straße ab, durchqueren Ansammlungen von Hütten auf Lehmstraßen und enden auf einem Dorfplatz. Hunderte Kinder begrüßen uns hier – und gut 200 katholische Katechisten. Sie sind mein Ziel an diesem Mittag, denn ich möchte von ihnen verstehen, was sie hier leisten. Die Herzlichkeit der Begrüßung ist überwältigend, ungezählte Hände strecken sich uns Bischöfen, uns Gästen aus Deutschland entgegen. Im Dorf ist ab und zu ein Gottesdienst, der Priester muss rund 20 der umliegenden Dörfer besuchen. Die Katechisten fahren in die entlegensten Gegenden, auf Motorrädern, von denen Missio jüngst einige finanziert hat. Diese Katechisten sprechen über Gott, die Bibel, den Glauben, in Regionen, die im Monat vielleicht einmal von einem Priester besucht werden, wenn überhaupt. Ich bin fasziniert von der Freude, ja Begeisterung, die uns hier entgegen strömt. Diese Katechisten, häufig noch sehr jung, wollen das Wort Gottes verkünden, von der Frohen Botschaft berichten, sie bekannt machen, ganz gleich, wie viele Kilometer sie auf sich nehmen müssen. Diese Begeisterung für den Glauben ist ansteckend, mich ermutigt sie für meinen weiteren Dienst. Von dieser Freude wünsche ich mir einiges für unsere Kirche in Deutschland.

Die Glaubensfreude erfahre ich später noch mitten auf dem Gelände des jüngsten, kleinsten und im Zustand bescheidensten Priesterseminar Nigerias. Der Erzbischof von Kaduna möchte – weit außerhalb der Stadtzone – das Priesterseminar ausbauen. Es bewegt mich, dass in einer völlig maroden Bausubstanz, Unterkünften, die in unseren europäischen Seminaren nicht vorstellbar wären, junge Menschen auf den Priesterberuf vorbereitet werden – und auch das mit einer ausgesprochenen Freude am Glauben tun. Auf dem Rückweg am Abend nach Kaduna weiß ich: Das war heute ein Tag der Glaubensfreude.

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Autor: Erzbischof Dr. Robert Zollitsch
Kategorie: Reisetagebuch


01.09.09
21:58 Uhr

Bei den Ärmsten der Armen

Wir sind in Kaduna, rund 200 Kilometer nördlich von Abuja, angekommen. Buschsavanne hat uns auf der Reise hierher begleitet, der tropische Regenwald liegt endgültig hinter uns. Eindrucksvoll sind die geologischen Gesteinsformationen: Zuma-Rock erinnert an einen allein in der Landschaft stehenden Zuckerhut, ein gigantischer Felsen mit steil abfallenden Wänden.

Was bisher eine Reise im überwiegend christlich geprägten Süden, dann im christlich-muslimisch gemischten Großraum von Abuja war, führt mich jetzt zu den Christen in der Minderheit. Die Moscheebauten am Straßenrand sind zahlreich, die Kirchen, die es gibt, sind ebenfalls an Größe beeindruckend. Aber schon außerhalb der größeren Städte, so auch außerhalb Kadunas, ist die Armut groß. Erzbischof Matthew Man’Oso von Kaduna erinnert eindringlich an das, was sich die Menschen hier wünschen: Teilhabe an den Lebensgrundlagen und damit an der sozialen Entwicklung. „Die jüngste Untersuchung der Zentralbank Nigerias hat gezeigt, dass hier im Norden die höchste Armutsrate zu finden ist. Die Ärmsten der Armen leben in unserer Provinz. Entwicklungshilfe will der Staat leisten, aber wir als Kirche sind mindestens genauso gefragt“, berichtet Erzbischof Matthew. Tatsächlich: Den Ärmsten der Armen kann ich hier begegnen, Armut vereint Muslime und Christen. Und doch ist die Gefahr groß, dass der Islam sich noch schneller ausbreitet als bisher angenommen. Im Gespräch spüre ich den inneren Drang, den katholischen Glauben den Menschen zu bringen. Erzbischof Matthew achtet auf gute Beziehungen zu den Muslimen im Bereich seines Erzbistums: „Wir müssen miteinander im Gespräch bleiben. Nicht theoretisch, sondern in den konkreten Lebenssituationen aller Menschen. Hilfe zur Selbsthilfe muss alle Menschen erreichen, Muslime und Christen“, sagt er.

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Autor: Erzbischof Dr. Robert Zollitsch
Kategorie: Reisetagebuch


01.09.09
15:31 Uhr

Gedenken an Zweiten Weltkrieg in Nigeria

Heute ist der 1. September. Vor 70 Jahren begann mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg. Während der Eucharistiefeier an diesem Morgen in Abuja erinnere ich an dieses wichtige und tragische Datum. Ich bin dankbar, dass ich mit dem Vorsitzenden der polnischen Bischofskonferenz vor wenigen Tagen eine gemeinsame Erklärung unterzeichnen konnte. In Nigeria ist dieses Datum kaum präsent. Mir ist wichtig, den Bezug zwischen diesem Datum, Europa und Afrika herzustellen, denn der Zweite Weltkrieg hat auch diesen Kontinent verändert. Der 1. September mahnt uns: Der Friede ist immer möglich, er ist aber auch immer in Gefahr. Deshalb müssen wir über alle Kontinente hinweg in die Zukunft schauen, den Blick nach vorne richten. Gleichzeitig dürfen wir die Vergangenheit nicht vergessen, die uns immer Mahnung für die Zukunft sein muss. Heute ist ein besonderer Tag zum Beten für den Frieden: in Europa, in Afrika, in der Welt.

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Autor: Erzbischof Dr. Robert Zollitsch
Kategorie: Reisetagebuch


01.09.09
01:20 Uhr

Vom Leben der Kirche in Nigeria

An diesem Montag (also gestern) waren wir den ganzen Tag in der nigerianischen Hauptstadt Abuja unterwegs. Eines der Ziele ist das Sekretariat der Nigerianischen Bischofskonferenz, wo wir eindrucksvoll von den vielfältigen Aktivitäten der katholischen Kirche Nigerias hören. Gerechtigkeit und Frieden sind die Schlüsselbegriffe, mit denen hier gearbeitet wird. Später komme ich zu der Überzeugung, gewissermaßen als Zwischenbilanz: Ich durfte schon viel lernen. Diese Reise hat sich bisher in jeder Hinsicht gelohnt.

Vor allem abends im Gespräch mit Gästen in der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland erfahre ich noch mehr über die politischen Realitäten. Wer verdient wieviel am Ölreichtum, wer forciert das Bruttosozialprodukt, warum entstehen mit einem Mal in Städten, in denen es bisher kaum islamischen Einfluss gab, ungezählte Moscheen? Und es sind die ganz tiefgreifenden sozialen Probleme, von denen ich höre, bei denen ich wieder erfahre, dass es die Kirche ist, die an der Seite der Armen steht und Solidarität nicht nur predigt sondern auch konkret lebt: der Kampf gegen Aids, der Kampf gegen Frauen- und Kinderhandel, der Einsatz für Straßenkinder, das Engagement in den Slums auch in der noch jungen Hauptstadt Abuja. Und mir wird die Frage gestellt: Was kann die katholische Kirche gegen die aufkommenden Sekten tun, die – so wird mir gesagt – in europäischer und oft auch nigerianischer Sicht die essentielle Botschaft des Christentums verwässern und damit eine Gefahr für die öffentliche Wahrnehmung der katholischen Kirche sind. Kurzum: Was ist das konkret spezifisch Katholische im Christentum, das uns von den anderen sichtbar trennt und das in der Kirche Nigerias offensiv vermittelt wird. Dieses Problem der Sekten habe ich auf der Reise bisher latent gehört und mit eigenen Augen gesehen. Es ist für mich an diesem Abend in Abuja noch deutlicher geworden. 

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Autor: Erzbischof Dr. Robert Zollitsch
Kategorie: Reisetagebuch


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