Freude am Glauben
Gestern habe ich von der Situation der Ärmsten der Armen gehört – heute durfte ich einen ganzen Tag bei ihnen sein. Es ist faszinierend, was Menschen für andere Menschen Gutes tun. Irgendwo weit östlich von Kaduna treffe ich am Rand einer Savannenpiste auf die aus dem US-Bundesstaat stammende Dominikanerin Schwester Rita. Unermüdlich sorgt sie mit einem hoch motivierten Mitarbeiterstab für die Gesundheitsgrundversorgung junger Mütter. Aufopferungsvoll behandelt sie an Rachitis erkrankte Kinder, erklärt der ländlichen Stammesbevölkerung Hygienemaßnahmen nach der Geburt, sorgt mit einer medizinischen Erstversorgung für Grundlagen des menschlichen Lebens mitten in der Savanne. „Hope for the Village Child“ heißt die Einrichtung. Von Hoffnung spüre ich hier viel. Bei meiner Ankunft begrüßen mich junge Mädchen mit einem traditionellen Tanz. Selbst der Emir der Region, Seine Königliche Hoheit Galanaad I. ist zur Begrüßung gekommen, begleitet von 20 muslimischen Stammesfürsten der Gegend. Sie alle sind dankbar, dass die katholische Kirche hier arbeitet – für Christen und Muslime. Auf religiöse Grenzen wird nicht geachtet, „jeder Mensch ist ein Geschenk Gottes“, sagt Schwester Rita und fügt hinzu: „Diese Kinder hier zeigen uns jeden Tag, wie wir das Wort Gottes leben sollen.“ Es berührt mich, mit den jungen Müttern ins Gespräch zu kommen, Kinder setzen sich zur mir auf den Schoß. Seit vielen Jahren unterstützt Misereor das Projekt. Wieder erfahre ich etwas von der Hilfe zur Selbsthilfe, die ankommt. „Wenn ich diese Einrichtung nicht besucht hätte, würde der Reise ein wesentlicher Aspekt fehlen“, sage ich später zum Abschied. Der Emir nickt – wohl zustimmend. Schwester Rita schmunzelt – sie weiß, was sie hier Gutes für das Reich Gottes leistet.
Wir fahren weiter über die Dörfer und irgendwo biegen wir von der Straße ab, durchqueren Ansammlungen von Hütten auf Lehmstraßen und enden auf einem Dorfplatz. Hunderte Kinder begrüßen uns hier – und gut 200 katholische Katechisten. Sie sind mein Ziel an diesem Mittag, denn ich möchte von ihnen verstehen, was sie hier leisten. Die Herzlichkeit der Begrüßung ist überwältigend, ungezählte Hände strecken sich uns Bischöfen, uns Gästen aus Deutschland entgegen. Im Dorf ist ab und zu ein Gottesdienst, der Priester muss rund 20 der umliegenden Dörfer besuchen. Die Katechisten fahren in die entlegensten Gegenden, auf Motorrädern, von denen Missio jüngst einige finanziert hat. Diese Katechisten sprechen über Gott, die Bibel, den Glauben, in Regionen, die im Monat vielleicht einmal von einem Priester besucht werden, wenn überhaupt. Ich bin fasziniert von der Freude, ja Begeisterung, die uns hier entgegen strömt. Diese Katechisten, häufig noch sehr jung, wollen das Wort Gottes verkünden, von der Frohen Botschaft berichten, sie bekannt machen, ganz gleich, wie viele Kilometer sie auf sich nehmen müssen. Diese Begeisterung für den Glauben ist ansteckend, mich ermutigt sie für meinen weiteren Dienst. Von dieser Freude wünsche ich mir einiges für unsere Kirche in Deutschland.
Die Glaubensfreude erfahre ich später noch mitten auf dem Gelände des jüngsten, kleinsten und im Zustand bescheidensten Priesterseminar Nigerias. Der Erzbischof von Kaduna möchte – weit außerhalb der Stadtzone – das Priesterseminar ausbauen. Es bewegt mich, dass in einer völlig maroden Bausubstanz, Unterkünften, die in unseren europäischen Seminaren nicht vorstellbar wären, junge Menschen auf den Priesterberuf vorbereitet werden – und auch das mit einer ausgesprochenen Freude am Glauben tun. Auf dem Rückweg am Abend nach Kaduna weiß ich: Das war heute ein Tag der Glaubensfreude.
