Heute morgen bin ich aus Nigeria nach Deutschland zurückgekehrt. 12 Grad Celsius am Frankfurter Flughafen sind doch anders als die nahezu tropischen Temperaturen gestern abend spät in Abuja. Elf Tage waren wir unterwegs, ich kehre in großer Dankbarkeit zurück für das, was ich erleben durfte. Mich hat die Glaubensfreude der jungen Kirche Nigerias begeistert, mich hat die Herzlichkeit so vieler Begrüßungen – gerade auf dem Land – gerührt und mich hat der Wille sovieler junger Menschen, die ihr Land verändern und noch vorne bringen möchten, fasziniert. Da ist also eine Generation, die – zusammen mit den Initiativen der katholischen Kirche – Nigeria eine Zukunft vermitteln möchte. Wie häufig habe ich noch gestern nachmittag den Wunsch gehört, dass die grassierende Korruption in Nigeria ein Ende haben solle. Wie oft ist mir gesagt worden, dass ohne den Anstoß der Kirche in den Bereichen Gerechtigkeit, Friede und Entwicklung vieles gar nicht in Gang gekommen wäre. Und wie oft hat man mir vermittelt, dass die Solidarität zwischen der katholischen Kirche Nigerias und Deutschlands keine Floskel ist, sondern dass die Menschen in Nigeria diese Solidarität in ihren Gebeten begleiten.
Zurück in Deutschland
Ansteckende Freude
Videoautoren: Harald Oppitz, Kirsten Westhuis | Alle Rechte bei KNA
Ansprache von Erzbischof Dr. Robert Zollitsch
anlässlich einer Begegnung mit S.E., Erzbischof Ignatius Kaigama und Seiner königlichen Hoheit Alhaji Abdullahi Haruna Maikano, Emir von Wase, am 3. September 2009 in Jos
„Religionsfreiheit als Menschenrecht“
Exzellenzen, königliche Hoheit, sehr geehrte Damen und Herren,
bevor ich mit Ihnen einige meiner Gedanken zum Thema „Religionsfreiheit als Menschenrecht“ teile, will ich zunächst meiner Dankbarkeit Ausdruck geben, heute Abend hier in Jos, mitten in dem großen Land Nigeria, mit Ihnen, Herr Erzbischof Kaigama, und Ihnen, königliche Hoheit, zusammen sein zu dürfen.
Ich bin aus Deutschland nach Nigeria gekommen, um die Solidarität der Katholiken in Deutschland mit der katholischen Kirche und mit den Christen Nigerias zu bezeugen. Wir Christen sind ähnlich wie die Angehörigen der islamischen Glaubensgemeinschaft, der umma, Mitglieder einer weltweiten Gemeinschaft, die nicht nur eine Gemeinschaft des Glaubens ist, sondern auch eine Gemeinschaft der gegenseitigen Solidarität und des gegenseitigen Austausches und Lernens.
„Wer in Afrika war, wird in Europa bescheidener“
Erzbischof Zollitsch beendet Nigeria-Reise
Mit einem eindringlichen Bekenntnis zum Dialog zwischen Muslimen und Christen im Norden Nigerias hat der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, seine zehntägige Reise auf den afrikanischen Kontinent beendet. Bei einer Begegnung mit der höchsten muslimischen Autorität in der Stadt Jos, dem Emir von Wase, Seiner Königlichen Hoheit Alhaji Abdullahi Haruna, unterstrich Zollitsch das grundlegende Menschenrecht auf Religionsfreiheit.
Im Gespräch mit Emir Haruna und dem Erzbischof von Jos, Ignatius Kaigama, die beide viel für das gegenseitige Verständnis zwischen Muslimen und Christen in der Region geleistet haben, erläuterte der Erzbischof die Situation des Islam in Deutschland. „Die Präsenz des Islam in Deutschland wird im öffentlichen Leben besonders durch den Bau von Moscheen sichtbar. Eine Moschee steht im Dienst der Religionsfreiheit“, so Erzbischof Zollitsch. Die katholische Kirche bekenne sich zur religiösen Freiheit jedes Menschen. Die fundamentale Wertentscheidung für die Religionsfreiheit in den modernen Grundrechtskatalogen entspreche auch christlicher Überzeugung: „Die Anerkennung der Religionsfreiheit als ein auf die Würde des Menschen gründendes Menschenrecht macht es auf der einen Seite verständlich und im wohlverstandenen Sinne auch notwendig, dass Christen in der Begegnung mit Muslimen für den Gedanken eintreten, dass Christen in islamisch geprägten Ländern in gleichem Maße Religionsfreiheit genießen sollten wie Muslime in christlich geprägten“, fügte Erzbischof Zollitsch in Jos hinzu. „Christen und Muslime sind aufgefordert, sich über ihren Glauben auszutauschen, Brücken des Vertrauens zu bauen und den Völkern, in denen sie leben, überzeugende Beispiele zu geben.“
Beim Emir von Wase
Gestern Abend konnte ich in Jos den Emir von Wase, Seine Königliche Hoheit Alhaj Abdullahi Harun Maikano, treffen. Er hatte gleich noch den zweiten Emir der Provinz, Alhaji Mohammad Dou, mitgebracht. Beide sind drei Stunden gefahren, um sich mit dem Erzbischof von Jos, Ignatius Kaigama und mir zu treffen. Es ist eine beeindruckende Begegnung von großer Herzlichkeit und einem echten Dialog. 2001 und 2003 hatten in Jos die gewaltsamen Konflikte zwischen Muslimen und Christen begonnen. “Wir haben danach zueinander gesagt: Schluss jetzt, das muss ein Ende haben. Wir sind Brüder und Schwestern des einen Schöpfergottes. Eine Zukunft gibt es nur gemeinsam”, erklärt Erzbischof Kaigame.
Ich habe einige grundsätzliche Anmerkungen zur Religionsfreiheit als grundsätzliches Menschenrecht gemacht (s. Reden in diesem Blog). Wahre Religionsfreiheit muss Gott und den Menschen anerkennen. Es gibt keine Alternative zum Dialog. Das hat bereits das II. Vatikanische Konzil bestätigt, an das ich in Jos erinnere. Ich bin dankbar, dieses Beispiel gelebten Dialogs in Jos zu erleben. Es ist kein aufgesetzter Versuch, sich irgendwie zu verstehen, sondern ich nehme eine Bereitschaft zum Frieden untereinander wahr, die dem Herzen entspringt.
“Wir sind der Friede”, sagt der Emir von Wase. “Wir müssen einander zuhören und wir müssen lernen, einander zu verzeihen. Wenn wir als Verantwortliche in den Religionen das unseren Gläubigen vermitteln, gelingt es, stabile und dauerhafte Brücken zu bauen”, fügte der Emir hinzu. Später bitten mich die Emire und der Erzbischof, sie beim Kondolenzbesuch der Familie des gerade verstorbenen Imams der Großen Moschee von Jos zu begleiten. Alhaji Saaid Amahjaa galt als zentrale theologische Persönlichkeit Nigerias und wurde 107 Jahre alt. Der Einladung folge ich gerne, rasch geht es ins Stadtzentrum von Jos. Eine große Trauergemeinde hat sich versammelt, die Menschen ganzer Straßen laufen zusammen als wir ankommen. Zwei Erzbischöfe bei der Familie des Imam – das sind seltene Momente in Jos. Aber es sind Momente, die in vielen Teilen der Bevölkerung gefeiert werden. Die Muslime bitten mich des Verstorbenen in meinen Gebeten zu gedenken. Nachher verabschiede ich die beiden Emire, die sich zum Ende des abendlichen Ramadan zurückziehen. “Ich komme, um die Brücke auszubauen”, sagt mir Emir Haruna. Bereits in wenigen Wochen wird er mit Erzbischof Kaigame in Deutschland sein. Nach dem gestrigen Tag bin ich überzeugt: Dialog kann gelingen!
In der Savanne Nigerias
Nach unserer Morgenmesse verlassen wir Kaduna und fahren gut 250 Kilometer weiter in den Nordosten des Landes. Unser Ziel ist Jos, wo ich am Abend mit dem Emir von Wase zusammentreffen werde. Die Fahrt durch die nigerianische Savanne ist faszinierend. Eine wunderschöne Landschaft, zerklüftete Felsen, Wälder und intensive Landwirtschaft prägen das Bild. Wenn wir Dörfer passieren, winken uns die Menschen zu. Hier erlebe ich Afrika noch sehr ursprünglich: Statt Wellblechdächern treffen wir auf die typischen Rundbauten aus Lehm mit Palmendach, die kleinen Dörfer bestehen fast nur aus Lehmbauten. Je weiter wir in den Norden kommen, um so mehr ändert sich die Landschaft. Über eine Passstraße erreichen wir das so genannte “Plateau” von Nigeria, eine riesige Hochebene. Ich bin dankbar, nach dem tropischen Regenwald und dem hektischen Leben in den großen Städten nun auch die Savanne kennen lernen zu dürfen. Ja, irgendwie bin ich im Herzen Afrikas angekommen.
Freude am Glauben
Gestern habe ich von der Situation der Ärmsten der Armen gehört – heute durfte ich einen ganzen Tag bei ihnen sein. Es ist faszinierend, was Menschen für andere Menschen Gutes tun. Irgendwo weit östlich von Kaduna treffe ich am Rand einer Savannenpiste auf die aus dem US-Bundesstaat stammende Dominikanerin Schwester Rita. Unermüdlich sorgt sie mit einem hoch motivierten Mitarbeiterstab für die Gesundheitsgrundversorgung junger Mütter. Aufopferungsvoll behandelt sie an Rachitis erkrankte Kinder, erklärt der ländlichen Stammesbevölkerung Hygienemaßnahmen nach der Geburt, sorgt mit einer medizinischen Erstversorgung für Grundlagen des menschlichen Lebens mitten in der Savanne. „Hope for the Village Child“ heißt die Einrichtung. Von Hoffnung spüre ich hier viel. Bei meiner Ankunft begrüßen mich junge Mädchen mit einem traditionellen Tanz. Selbst der Emir der Region, Seine Königliche Hoheit Galanaad I. ist zur Begrüßung gekommen, begleitet von 20 muslimischen Stammesfürsten der Gegend. Sie alle sind dankbar, dass die katholische Kirche hier arbeitet – für Christen und Muslime. Auf religiöse Grenzen wird nicht geachtet, „jeder Mensch ist ein Geschenk Gottes“, sagt Schwester Rita und fügt hinzu: „Diese Kinder hier zeigen uns jeden Tag, wie wir das Wort Gottes leben sollen.“ Es berührt mich, mit den jungen Müttern ins Gespräch zu kommen, Kinder setzen sich zur mir auf den Schoß. Seit vielen Jahren unterstützt Misereor das Projekt. Wieder erfahre ich etwas von der Hilfe zur Selbsthilfe, die ankommt. „Wenn ich diese Einrichtung nicht besucht hätte, würde der Reise ein wesentlicher Aspekt fehlen“, sage ich später zum Abschied. Der Emir nickt – wohl zustimmend. Schwester Rita schmunzelt – sie weiß, was sie hier Gutes für das Reich Gottes leistet.
Wir fahren weiter über die Dörfer und irgendwo biegen wir von der Straße ab, durchqueren Ansammlungen von Hütten auf Lehmstraßen und enden auf einem Dorfplatz. Hunderte Kinder begrüßen uns hier – und gut 200 katholische Katechisten. Sie sind mein Ziel an diesem Mittag, denn ich möchte von ihnen verstehen, was sie hier leisten. Die Herzlichkeit der Begrüßung ist überwältigend, ungezählte Hände strecken sich uns Bischöfen, uns Gästen aus Deutschland entgegen. Im Dorf ist ab und zu ein Gottesdienst, der Priester muss rund 20 der umliegenden Dörfer besuchen. Die Katechisten fahren in die entlegensten Gegenden, auf Motorrädern, von denen Missio jüngst einige finanziert hat. Diese Katechisten sprechen über Gott, die Bibel, den Glauben, in Regionen, die im Monat vielleicht einmal von einem Priester besucht werden, wenn überhaupt. Ich bin fasziniert von der Freude, ja Begeisterung, die uns hier entgegen strömt. Diese Katechisten, häufig noch sehr jung, wollen das Wort Gottes verkünden, von der Frohen Botschaft berichten, sie bekannt machen, ganz gleich, wie viele Kilometer sie auf sich nehmen müssen. Diese Begeisterung für den Glauben ist ansteckend, mich ermutigt sie für meinen weiteren Dienst. Von dieser Freude wünsche ich mir einiges für unsere Kirche in Deutschland.
Die Glaubensfreude erfahre ich später noch mitten auf dem Gelände des jüngsten, kleinsten und im Zustand bescheidensten Priesterseminar Nigerias. Der Erzbischof von Kaduna möchte – weit außerhalb der Stadtzone – das Priesterseminar ausbauen. Es bewegt mich, dass in einer völlig maroden Bausubstanz, Unterkünften, die in unseren europäischen Seminaren nicht vorstellbar wären, junge Menschen auf den Priesterberuf vorbereitet werden – und auch das mit einer ausgesprochenen Freude am Glauben tun. Auf dem Rückweg am Abend nach Kaduna weiß ich: Das war heute ein Tag der Glaubensfreude.
Bei den Ärmsten der Armen
Wir sind in Kaduna, rund 200 Kilometer nördlich von Abuja, angekommen. Buschsavanne hat uns auf der Reise hierher begleitet, der tropische Regenwald liegt endgültig hinter uns. Eindrucksvoll sind die geologischen Gesteinsformationen: Zuma-Rock erinnert an einen allein in der Landschaft stehenden Zuckerhut, ein gigantischer Felsen mit steil abfallenden Wänden.
Was bisher eine Reise im überwiegend christlich geprägten Süden, dann im christlich-muslimisch gemischten Großraum von Abuja war, führt mich jetzt zu den Christen in der Minderheit. Die Moscheebauten am Straßenrand sind zahlreich, die Kirchen, die es gibt, sind ebenfalls an Größe beeindruckend. Aber schon außerhalb der größeren Städte, so auch außerhalb Kadunas, ist die Armut groß. Erzbischof Matthew Man’Oso von Kaduna erinnert eindringlich an das, was sich die Menschen hier wünschen: Teilhabe an den Lebensgrundlagen und damit an der sozialen Entwicklung. „Die jüngste Untersuchung der Zentralbank Nigerias hat gezeigt, dass hier im Norden die höchste Armutsrate zu finden ist. Die Ärmsten der Armen leben in unserer Provinz. Entwicklungshilfe will der Staat leisten, aber wir als Kirche sind mindestens genauso gefragt“, berichtet Erzbischof Matthew. Tatsächlich: Den Ärmsten der Armen kann ich hier begegnen, Armut vereint Muslime und Christen. Und doch ist die Gefahr groß, dass der Islam sich noch schneller ausbreitet als bisher angenommen. Im Gespräch spüre ich den inneren Drang, den katholischen Glauben den Menschen zu bringen. Erzbischof Matthew achtet auf gute Beziehungen zu den Muslimen im Bereich seines Erzbistums: „Wir müssen miteinander im Gespräch bleiben. Nicht theoretisch, sondern in den konkreten Lebenssituationen aller Menschen. Hilfe zur Selbsthilfe muss alle Menschen erreichen, Muslime und Christen“, sagt er.
Gedenken an Zweiten Weltkrieg in Nigeria
Heute ist der 1. September. Vor 70 Jahren begann mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg. Während der Eucharistiefeier an diesem Morgen in Abuja erinnere ich an dieses wichtige und tragische Datum. Ich bin dankbar, dass ich mit dem Vorsitzenden der polnischen Bischofskonferenz vor wenigen Tagen eine gemeinsame Erklärung unterzeichnen konnte. In Nigeria ist dieses Datum kaum präsent. Mir ist wichtig, den Bezug zwischen diesem Datum, Europa und Afrika herzustellen, denn der Zweite Weltkrieg hat auch diesen Kontinent verändert. Der 1. September mahnt uns: Der Friede ist immer möglich, er ist aber auch immer in Gefahr. Deshalb müssen wir über alle Kontinente hinweg in die Zukunft schauen, den Blick nach vorne richten. Gleichzeitig dürfen wir die Vergangenheit nicht vergessen, die uns immer Mahnung für die Zukunft sein muss. Heute ist ein besonderer Tag zum Beten für den Frieden: in Europa, in Afrika, in der Welt.
Grußwort von Erzbischof Dr. Robert Zollitsch beim Botschaftsempfang in Abuja am 31. August
Sehr geehrter Herr Botschafter,
liebe Mitbrüder,
verehrte Schwestern,
liebe Gäste!
Ganz herzlich darf ich mich bei Ihnen, verehrter Herr Botschafter Schmillen, für diese Einladung zum Abendessen bedanken, das Sie für meine Delegation und mich ausrichten. Ich weiß es sehr zu schätzen, dass Sie diese Form des eher privaten Austauschs über die Situation hier im Land gewählt haben. Zugleich möchte ich es auch nicht versäumen, Ihnen und Ihren Mitarbeitern ein herzliches Wort des Dankes zu sagen für die vielfältige Unterstützung, die Sie uns bei der Vorbereitung dieser Reise gegeben haben. Auch dafür ein ganz herzliches Vergelt’s Gott!
Elf Tage sind wir in Nigeria unterwegs. Ich habe dabei Gelegenheit, fast alle Regionen des Landes zu besuchen. Bereits jetzt war ich im Westen, in Lagos und Ibadan, habe anschließend den Südosten um Calabar, Enugu und Owerri besucht. In den nächsten Tagen werden wir in den Norden nach Kaduna und Jos reisen. Die Vielfalt des Landes, vor allem die unterschiedlichen wirtschaftlichen und kulturellen Situationen stehen uns dabei vor Augen. Aber mein Aufenthalt ist nicht primär eine allgemeine Informationsreise. Als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz möchte ich vorrangig die nigerianische Ortskirche besuchen. So sieht das Reiseprogramm viele Stationen des mitbrüderlichen Austauschs mit meinen Amtsbrüdern in Nigeria vor. Daneben besuchen wir verschiedene Priesterseminare, informieren uns über die Arbeit der Justitia et Pax-Kommission im Land und lernen Projekte und Einrichtungen der Ortskirche kennen, um somit auch mit dem sozialen Engagement der Kirche in Nigeria vertraut zu werden.



